Manchmal können Verzögerungen auch etwas Gutes mit sich bringen. Bei "Heliocentric" von THE OCEAN ist das für mich definitiv der Fall gewesen. Aufgrund von privater Widrigkeiten musste ich das Review zur neusten Scheibe der Berliner leider viel zu lange aufschieben, doch im Nachhinein konnte mir etwas besseres gar nicht passieren. So konnte ich mich nämlich länger in das Album hineinfinden und aus anfänglicher Enttäuschung wurde innerhalb einiger Wochen euphorische Begeisterung.
Das einstmalige Künstlerkollektiv präsentiert sich inzwischen nämlich nicht nur viel einheitlicher als Band, sondern auch personelle Veränderungen am Mikro hinterlassen einen - neben der Musik von "Heliocentric" - ganz anderen Eindruck als der urgewaltige Postcore/Progressive-Vorgänger "Precambrian". THE OCEAN emanzipieren sich auf "Heliocentric" ganz klar von der aggressiven Brutaloschiene, die vormals noch mit atmosphärischen Prog- und Postspielereien gekreuzt wurde und stellen auf dem neuen Album das alte Konzept quasi auf den Kopf. Man agiert wesentlich vielschichtiger, räumt den erwähnten Prog- und Post-Rock-Elementen und Gastinstrumenten wie Piano, Streichern, Bläsern viel mehr Platz zum Atmen ein und degradiert nun den einst brechenden Postcore zur ergänzenden Würze im musikalischen Kochtopf. Besonders mit Loic hat man sich einen guten Nachfolger am Mikro in die Band geholt, denn der Mann beherrscht nicht nur sicher die typischen Screams während der härteren Parts, sondern hat zudem auch eine richtig gute cleane Stimme. So brauchen sich THE OCEAN auch nicht zu fürchten, wenn sie mal eben zwei ganz ruhige Stücke auf "Heliocentric" zaubern und so noch mehr Abwechslung aus dem Ärmel schütteln.
Auch auf lyrischer Ebene lassen sich die Herren mal wieder nicht lumpen. "Heliocentric" ist der erste Teil eines zweiteiligen Konzepts ("Anthropocentric" erscheint vermutlich im Herbst diesen Jahres) und man behandelt in quasi chronologischer Reihenfolge und auf angenehm durchdachte Weise die Wandlung des Menschen vom blinden religiösen Glauben zur Aufklärung und dem Humanismus. Verpackt gibt es das Ganze in einem wundervoll gestalteten Digipak mit drehbaren Himmelsscheiben auf dem Cover und bebilderter Karten mit den Texten anstatt des Booklets. Wer die "Precambrian" kennt, weiß, was er von THE OCEAN an Artwork erwarten kann.
Wenn ich am Anfang gerade aufgrund des Stilwandels doch eher enttäuscht von "Heliocentric" war, muss ich inzwischen gestehen, dass THE OCEAN hier einfach ein ganz großes, stimmiges Album mit tollen Songs abgeliefert haben. Zudem war diese Weiterentwicklung der einzige logische Schritt, der nach "Precambrian" gemacht werden konnte, um nicht in Stagnation versinken zu müssen. Anchecken!
Tracklist:
Lineup:
1. Shamayim
2. Firmament
3. The First Commandment of the Luminaries
4. Ptolemy was wrong
5. Metaphysics of the Hangman
6. Catharsis of a Heretic
7. Swallowed by the Earth
8. Epiphany
9. The Origin of Species
10. The Origin of God
musikalischer Background des Verfassers Prog Rock/Metal, Post Rock/Metal/Hardcore, Djent, Swedish/Melodic Death, Folklore/Neofolk, Black Metal, Neo-Thrash, Pagan Metal, Düster-Rock u.v.m.
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