Mit “Mandylion” präsentierten sich THE GATHERING 1995 erstmals mit Stimmwunder Anneke van Giersbergen und leiteten damit einen beispiellosen und kometenhaften Aufstieg ein. Es war der Beginn einer dreizehnjährigen Erfolgsgeschichte, in der es die Band verstand, sich musikalisch immer wieder neu zu definieren. THE GATHERING eroberten aus der sicheren Umgebung der Gothic Metal-Szene alternative Rockmusik-Gefilde und etablierten sich als unabhängige Künstler, eigenständig und vor allem nie berechenbar.
2007 verkündete Anneke van Giersbergen ihren, wenn nicht für die Band, dann zumindest für viele Fans überraschenden, Ausstieg. Sie legte in der Zwischenzeit zwei Alben unter dem Banner von Agua De Annique vor, die zwar durchaus zu gefallen wissen, stilistisch jedoch kaum Überraschungsmomente bergen, geschweige denn, dass etwas vergleichbares nicht auch unter dem Dach von THE GATHERING hätte entstehen können.
Auch wenn es für die verbliebenen Mitglieder von THE GATHERING unstrittig war, weiter zu machen, so hatte man es doch merklich schwerer, schließlich fehlte mit van Giersbergens Stimme ein Bestandteil im Bandgefüge, der das musikalische Erscheinungsbild für weit mehr als eine Dekade nachhaltig prägte.
Daraus resultierte der Plan, Vergleichen von vornherein aus dem Wege zu gehen und ein neues Album sowohl von weiblichen als auch von männlichen Gastsängerinnen und -sängern einsingen zu lassen. Auf diese Phase im Entstehungsprozess von “The Westpole” geht die Kooperation mit Landsfrau Anne van den Hoogen und der Mexikanerin Marcela Bovio zurück. Während die elfenhafte Stimme ersterer beim Song “Capital Of Nowhere” zu hören ist und Bovio den Gesang zu “Pale Traces” beisteuerte zerbröckelte der ursprüngliche Plan, auch männliche Sangeskollegen mit einzubeziehen just in dem Moment als THE GATHERING anfingen, mit der Norwegerin Silje Wergeland an neuem Material zu arbeiten. Nicht nur musikalisch sondern auch menschlich funkte es und THE GATHERING hatten völlig unverhofft eine neue Firstlady gefunden.
Etwas verhalten, zurückhaltend und ein wenig unscheinbar, so präsentiert sich Wergeland auf “The Westpole” und lässt dennoch keinen Zweifel an ihrer variablen und einfühlsamen Stimme, mit der sie sowohl in der Lage ist, alte Stücke live glanzvoll umzusetzen, als auch zukünftig vermehrt eigene Akzente in die musikalische Entwicklung von THE GATHERING einzubringen.
Niemand kann annnähernd erwartet haben, dass die Lücke, die eine Ausnahmesängerin wie van Giersbergen hinterlassen hat, mit nur sieben Titeln und einem Album geschlossen werden kann.
Letztlich ging es THE GATHERING auch nicht darum, van Giersbergen lediglich durch ein stimmliches Ebenbild zu ersetzen, schließlich ist es Marcela Bovio, die mit ihrer Performance auf “Pale Traces” der prominenten Vorgängerin beängstigend nahe kommt.
Als größtes Manko von “The Westpole” ist daher der schwachbrüstige und wenig druckvolle Sound anzusehen, vor allem was die Gitarren angeht. Hier hätte sich Hans Rutten, seines Zeichens Gitarrist und ausführender Produzent durchaus etwas mehr in den Vordergrund drängen dürfen.
Trotzdem darf man von einem geglückten Neustart (der wie im Fall von Agua De Annique auf stilistische Überraschungen verzichtet) im Hause THE GATHERING sprechen, denn stilistisch ist “The Westpole” irgendwo zwischen “Souvenirs” und “Home” beheimatet. Und auch wenn das Album an die individuelle Klasse der beiden Vorgänger nicht heranreicht, so wird sich der wahre Wert dieser polaren Forschungsarbeit wohl erst auf dem nächsten Album erschließen.
Dann nämlich, wenn Band und Sängerin zusammen gewachsen und auf den hoffentlich zahlreichen Konzerten zu einer Einheit verschmolzen sind. Denn dass THE GATHERING mit Silje Wergeland die Richtige ausgewählt haben, daran lässt “The Westpole” keine Zweifel.
Ich für meinen Teil freue mich schon jetzt auf fesselnde Live-Shows von THE GATHERING mit Silje Wergeland, sowohl mit neuem als auch mit altem Songmaterial.
Tracklist:
Lineup:
1. When trust becomes sound
2. Treasure
3. All you are
4. The west pole
5. No bird call
6. Capital of nowhere
7. You promised me a symphony
8. Pale traces
9. No one spoke
10. A constant run
musikalischer Background des Verfassers Punk, Metal, Black & Death Metal... Heute höre ich alles, sofern es mich in irgend einer Art und Weise berühren kann...
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