Freunde der breitgefächerten Neofolk-Szene kennen vermutlich das Problem, dass man es in diesem Genre genauso häufig mit höchst innovativen Künstlern und anspruchsvollen Texten, wie auch mit charakteristischer Musik und vor allem sehr „eigenen“ Sängern zu tun bekommt. Böse Zungen würden behaupten, dass nicht wenigen Sängern schlicht das entsprechende Talent fehlt, doch ich möchte lieber bei der Bezeichnung einer „charakteristischen“ Stimme bleiben, denn das aktuelle Album „Vigil“ des Duos Nebelung ist genau hierfür ein treffendes Beispiel.
Geboten werden auf „Vigil“ neun Lieder, die begleitet von ein paar Einsätzen von Violine, Kontrabass und Akkordeon durchweg durch Akustikgitarren und klaren Gesang dargeboten werden. Drei hiervon sind Gedichtvertonungen von Gertrud Kolmar, Georg Trakl und Stefan George, zwei sind reine Instrumentalsongs und die verbleibenden vier Texte gehen auf die Kappe der beiden Nebelungen. Textlich beschäftigt man sich grob skizziert vor allem mit der Natur, ihrer Wirkung auf den Menschen und damit verbundenen menschlichen Gefühlen; Interpretationsspielraum für den Hörer ist durch solch ein romantisches Konzept natürlich ebenfalls reichlich geben.
Naturmystik, Romantik, Akustikgitarren – eben typisch Neofolk, aber keineswegs angestaubt oder abgestanden! Nebelung kreieren ein paar wirklich tolle Songs, die nicht nur Atmosphäre, sondern auch schöne Melodien zu bieten haben, denn besonders durch die Gitarren offenbart sich das Können der beiden Bonner. Meine Favoriten und damit auch Anspieltipps sind die großartige Kampfansage „Die Roder“, das sich langsam zum mehrstimmigen Finale steigernde „Hoffnung“, das rauschhafte „Sturm“ und das die Scheibe ausklingen lassende „Nebelung“.
Kommen wir jetzt jedoch zum großen ABER: Wie bereits angesprochen, verfügt Sänger Stefan Otto über eine sehr charakteristische, helle Stimme, die von vielen Hörern vielleicht als unangenehm empfunden werden könnte. Und tatsächlich wackelt Ottos Stimme zeitweise etwas, besonders höhere Passagen lassen seine Stimme manchmal arg dünn und brüchig werden, doch liegt er niemals komplett neben den Tönen oder singt gar schief. Gewöhnung und/oder Geschmack sind hier wohl die treffendsten Kriterien, die auf Dauer über die Meinung zu der Singstimme Ottos entscheidend sind und so möge jeder Interessierte bitte vorweg über Hörbeispiele (siehe Link oben) entscheiden, wie er zu diesem Gesang steht.
Nicht zuletzt die musikalische Nähe zu Empyriums „Where at Night the Woodgrouse plays“, dem ewigen Referenzwerk „Kveldssanger“ von Ulver und den frühen Stücken Orplids lassen mich für Freunde solcher und ähnlicher Klänge aber eine (aufgrund des schwierigen Gesangs eingeschränkte) Kaufempfehlung aussprechen.
musikalischer Background des Verfassers Prog Rock/Metal, Post Rock/Metal/Hardcore, Djent, Swedish/Melodic Death, Folklore/Neofolk, Neo-Thrash/Metalcore, Black Metal, Düster-Rock u.v.m.
X Aktuelle Top6
1. Light Bearer "Silver Tongue"
2. Olafur Arnalds "For Now I Am Winter"
3. Tesseract "Altered State"
4. Light Bearer "Lapsus"
5. Soilwork "The Living Infinite"
6. Killswitch Engage "Disarm The Descent"
X Alltime-Klassix Top6
1. In Flames "Reroute To Remain"
2. Anathema "The Silent Enigma"
3. Porcupine Tree "Fear Of A Blank Planet"
4. Trivium "Shogun"
5. Tori Amos "Little Earthquakes"
6. Katatonia "Last Fair Deal Gone Down"
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