Halleluja, SLAYER sind endlich zurück! Fünf Jahre haben sie uns zappeln lassen, aber jetzt holen sie zum vernichtenden Schlag aus! Der erste optische Kontakt mit dem lange erwarteten Kleinod gleicht einem Deja-Vu: auf dem obersicken Cover sieht man einen Christus-Torso inmitten lauter Toten durch ein Meer von Blut waten. Dieses Werk entstammt nicht etwa der Feder eines geisteskranken Kindes, sondern wurde zur Abwechslung wieder von Larry Carroll gezeichnet, der zum letzten Mal 1990 auf der "Seasons In The Abyss" für das Artwork verantwortlich war. Damit werden die Thrash-Titanen aus Los Angeles in konservativen Kreisen sicher viele neue Freunde finden. Nach dem vorab auf der "Eternal Pyre" EP veröffentlichten, sehr geilen Album-Track "Cult" ist dies der zweite deutliche Fingerzeig dafür, daß die neuen Songs glücklicherweise mehr in die Richtung der früheren Werke tendieren. Zudem ist nach über 15 Jahren Abwesenheit Dave Lombardo wieder an Bord, der nach der bereits erwähnten "Seasons In The Abyss" CD ausgestiegen war. Das einzig wahre Line-Up inklusive Umfeld ist somit also wieder vereint, die Zeichen stehen auf Sturm...
Und der bricht so brutal in Form von "Flesh Storm" über den Hörer herein, daß mir selbst nach dem zigsten Durchlauf immer noch die Kinnlade eine Etage tiefer sackt. Mörderische Riffs eingebettet in einen Gitarrensound, den man unter hunderten heraushören kann, dazu Toms unverwechselbar krankhafter Gesang und als Krönung Dave, der seine drei Kollegen über die gesamte Spielzeit konsequent nach vorne knüppelt. Wenn ich mich recht erinnere waren zuletzt "Angel Of Death" und "War Ensemble" ähnlich überzeugende Opener. Kerry hat nicht umsonst in diversen Interviews betont, daß Daves Rückkehr ein wahrer Glücksfall für die Band ist. Es verhärtet sich der Eindruck, daß dem eingespielten Songwriter-Team King und Hanneman gerade dieses Tier an den Drums gefehlt hat, denn Herr Lombardo ist allgegenwärtig und drischt jede noch so kleine Unebenheit gnadenlos zu. Das folgende "Catalyst" geht ebenso straight mit rasenden Leads des Duos King/Hanneman in die gleiche Richtung wie das wuchtige "Consfearacy", das vom Aggressionspotential auch auf die "Divine Intervention" gepaßt hätte. Schon beim dritten Track "Skeleton Christ" kommen mit einigen Midtempo-Ausflügen die ersten Variationen ins Spiel. Aber es geht noch einen Tick langsamer. Ist "Eyes Of The Insane" durch ein abgedrehtes Riff in Verbindung mit satten Groove-Parts von hohem Wiedererkennungswert, so wird man wenig später Ohrenzeuge des wohl langsamsten Songs der Bandgeschichte: "Catatonic" fräst sich megabrutal, fast schon doomig bis in die entlegensten Hirnwindungen. Auf der Zielgeraden wird das Tempo dann wieder erhöht. Die Single-Auskopplung "Cult" überzeugt mit einem eingängigen Refrain, das abschließende "Supremist" wartet mit cleveren Breaks auf, bevor die Nummer etwas chaotisch ausklingt. Insgesamt ist das neue Album abwechslungsreicher ausgefallen als sein Vorgänger "God Hates Us All", aber trotzdem finden wir alle Trademarks wieder, die SLAYER auszeichnen: Kompromißlosigkeit, Brutalität, Härte, und das alles mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerkes.
Nicht nur musikalisch gibt's die volle Breitseite, auch bei den Lyrics verarbeiten SLAYER verdammt harten Tobak, der noch für etliche Kontroversen sorgen wird. Für einen Song wie "Jihad", dessen Text ohne jegliche Wertung die letzten Gedanken eines Attentäters vom 11. September kurz vor dem Aufprall ins World Trade Center zu beschreiben versucht ("For this is a point of no return for almighty god. God will give victory to his faithful servant. When you reach ground zero, you will have killed the enemy, the great satan") würden sie viele in den USA am liebsten wahlweise kreuzigen oder schnurstracks nach Guantanamo Bay verfrachten. Auch Tracks wie "Cult" und "Skeleton Christ" handeln von Gewalt und Haß im Nahen Osten. Gezielte Provokation also, um die Verkaufszahlen zu erhöhen? Mitnichten! Eher schon ein Stilmittel, denn solche Lyrics ziehen sich doch wie ein roter Faden durch ihre Discography. Markantestes Beispiel für diese These ist neben "Dead Skin Mask" sicherlich "Angel Of Death", für den sie damals gerade in Europa enorm viel Prügel einstecken mußten, der für mich persönlich aber unter musikalischen Aspekten zu den drei besten Songs zählt, die SLAYER jemals geschrieben haben.
Aus meiner Sicht ist "Christ Illusion" ein absolutes Hammer-Album geworden, das von der musikalischen Ausgestaltung eigentlich der logische Nachfolger von "Seasons In The Abyss" hätte sein können. SLAYER schaffen es, die Merkmale ihrer Frühwerke namens "Reign In Blood", "South Of Heaven" und "Seasons In The Abyss" zu vereinigen und dabei trotzdem nicht angestaubt, sondern in jeder der 38 Minuten modern zu klingen, was auch der hervorragenden Arbeit von Rick Rubin und Josh Abraham an den Reglern zu verdanken ist. Ich hoffe nur inständig, daß wir bis zum nächsten Knaller nicht wieder 16 Jahre warten müssen. Nach über zwei Jahren bei Metalglory ziehe ich heute zum ersten Mal die Höchstnote. Zehn Punkte für die beste Thrash Metal Band aller Zeiten, durch die ich 1986 diese Musikrichtung für mich entdecken konnte.
Tracklist:
Lineup:
01. Flesh Storm
02. Catalyst
03. Skeleton Christ
04. Eyes Of The Insane
05. Jihad
06. Consfearacy
07. Catatonic
08. Black Serenade
09. Cult
10. Supremist
musikalischer Background des Verfassers Thrash-, Speed-, Death- und Black-Metal, Mittelalter-Mugge
X Aktuelle Top6
1. Ensiferum "Victory Songs"
2. Gernotshagen "Märe aus wäldernen Hallen"
3. Troopers "Bestialisch"
4. Turisas "The Varangian Way"
5. Witchburner "Blood Of Witches"
6. Excrementory Grindfuckers "Bitte nicht vor den Gästen"
X Alltime-Klassix Top6
1. Slayer "Reign In Blood"
2. Metallica "Master Of Puppets"
3. Slayer "Hell Awaits"
4. Anthrax "Among The Living"
5. Overkill "Taking Over"
6. Metallica "Ride The Lightning"
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