Die Hamburger Progrock-Band Ricochet besteht schon seit über 10 Jahren, hat aber mit Zarah erst die zweite Platte herausgebracht. Nach einem ersten Höhenflug Mitte der 90er (erste MC 1992, erste CD 1996, Auftritt in der ARD-Serie Großstadtrevier) stiegen der Bassist und der Sänger aus, sodass eine fast zehnjährige schwierige Phase ohne Veröffentlichungen folgte.
Mit Christian Heise haben sie nun einen neuen Sänger gefunden, und zwar einen mit einer beeindruckenden Stimme. Druckvoll und angenehm tief gibt er den Songs eine unverwechselbare Note. Weder er noch die übrigen Musiker lassen Anzeichen von Amateurhaftigkeit erkennen, sondern sie spielen sehr routiniert und harmonierend -- mit einem Newcomer haben wir's hier nun wirklich nicht zu tun.
Den Songs hört jedoch an, dass sie viele Jahre auf dem Buckel haben und teils schon vor vielleicht acht Jahren hätten veröffentlicht werden sollen. Ganz auf der Höhe der Zeit klingen die Arrangements nicht. Doch das tut dem Hörvergnügen keinen Abbruch, wie ich in den letzten Wochen festgestellt habe. Ich habe die Platte oft angeworfen, weil ich endlich das Review schreiben wollte, bin aber dann doch meiner momentanen World-Of-Warcraft-Sucht anheim gefallen. Und sie hat mir immer wieder gut gefallen (also die Platte...). Allerdings verbinde ich Zarah jetzt mit den düsteren Schluchten einer Zwergenstadt und dem Jagen von Orcs in engen und kalten Höhlen, was nur teilweise zum Konzept des Albums passt: Zarah erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das missbraucht wurde, den Täter ermordet und dann im Gefängnis Selbstmord begeht. Immerhin geht es laut Drummer Jan Keimer auch "um die Anonymität der Großstadt", was dann ja doch mit Ironforge...
Ricochet spielen Progrock in der Tradition der alten Marillion, angereichert mit einigen Metal-Elementen. Die Gitarre haben sie manchmal etwas heavier eingestellt als es die Songs hergeben, aber übertrieben klingt das so gerade nicht, sondern noch stimmig. Schon in den Kritiken zur ersten Platte wurde den Jungs ein "Gespür für die großen Melodien" nachgesagt, und das haben sie seitdem eher verfeinert als verloren. Viele Songs bleiben im Ohr hängen und man freut sich beim nächsten Durchlauf, sie wieder zu hören.
Im Bandinfo heißt es zwar, man würde die Vorbilder Marillion und Dream Theater nicht mehr so deutlich heraushören, doch für mich dringen sie aus allen Poren und Noten -- aber nie störend oder gar imitierend. (Teartown klingt stellenweise ein kleines bisschen wie der Hosens ihr Alex, ist aber auch nicht schlimm.) Einige Songs wie Final Curtain hätten problemlos auch auf Marillions Frühwerke Fugazi oder Script For A Jester's Tear gepasst (was als Kompliment zu verstehen ist). Ricochet hat diese alten Songstrukturen dahin entwickelt, wo ich mir Marillion auch gewünscht hätte. Während die alten Helden inzwischen (selbst auf der so hoch gelobten Marbles) nur als deprimierte, halb eingeschlafene und verschlaffte Altvordere aufspielen (außer live), drängen die Hamburger nach vorne, sind manchmal aggressiv, immer kreativ. Songs in einer Klarheit und Vielfalt wie Cincinatti Road haben Marillion seit 20 Jahren nicht mehr hinbekommen. Andere wie The Red Line kommen als tatsächlich sehr gelungene Mischung der beiden genannten Vorbilder. Also: Eigenständigkeit ja, Plagiatismus nein, aber die Wurzeln lassen sich nicht überhören. Auch der Frauenchor bei A New Day Rising geht in Ordnung, 30 Jahre nach der Dark Side Of The Moon darf man das mal wieder machen.
Mittlerweile haben jedoch Bands wie Pain Of Salvation oder auch die überraschenden Riverside den Progrock weiter entwickelt und gießen eine vorher kaum gekannte Melodienvielfalt und Komplexität über den Hörer aus. Hyperaktive Drummer wie Niko Knappe von Dark Suns oder Alex Holzwarth von Sieges Even legen inzwischen die Messlatte des Möglichen sehr hoch. Und hört man genau hin, hatte Bassist Pete Trewavas den alten Marillion-Songs eine Menge gegeben. Im direkten Vergleich wirkt Ricochet etwas altmodisch (altbacken wäre ein viel zu negativer Begriff), ihre Instrumentalisierung zwar perfekt, harmonisch und stimmig, aber nur selten virtuos.
Im Instrumentalstück Disobedience gehen die Jungs intensiver zur Sache und zeigen, was geht. Ohne Probleme halten sie über fünf Minuten lang Spannung und lassen alle vier Instrumente aufwendige Parts tragen. Vielleicht hätte man etwas der Eingängigkeit der gesangsbegleiteten Songs dieser Kreativität opfern sollen -- einige Parts beispielsweise von Cincinatti Road weisen durchaus in diese Richtung. Fast drängt sich der Verdacht auf, andere Bands würden derart komplexe Instrumentalstücke nachträglich mit Gesang füllen und kämen so zu ihrem melodiösen Overkill. (Peter Gabriel hatte das angeblich bei The Lamb... so gemacht und nachträglich auf Instrumentalparts von Hackett, Banks und Collins gesungen, was zwar zu einem der besten Genesis-Alben geführt, die Band aber gespalten hatte.)
Wie auch immer: Zarah ist ein tolles und vielseitiges Progrock-Album, dessen hauptsächliche Schwächen in dem liegen, was nicht da ist. Sie fügen dem Genre wenig neues hinzu, sondern spielen solide, eingängige und schöne Songs mit routinierter Instrumentalisierung und ausgesprochen angenehmer Stimme. Wer nicht immer das Allerkomplexeste und Allermodernste hören muss, sollte reinhören. Der letzte Song dauert keine 18 Minuten, sondern nach 13 Minuten (sehr geiler) Musik kommt eine Pause und ein abschließender orchestraler Part. Bezugsquellen für die Platte nennt Ricochet auf ihrer Homepage.
Songs:
Entering The Scene 2:54
Teartown 9:30
Disobedience 5:27
Silent Retriever 5:33
Cincinatti Road 10:59
Caught In The Spotlight 5:47
Final Curtain 5:46
The Red Line 7:44
A New Day Rising 18:44
Line-Up:
Christian Heise: Gesang
Heiko Holler: Gitarren
Hans Strenge: Bass
Björn Tiemann: Tasten
Jan Keimer: Schlagzeug
7.5 Punkte von kacior (am 22.01.2006)
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musikalischer Background des Verfassers Progressive Metal, Heavy Metal, Melodic Metal, bisschen Gothic/Dark, aber auch ProgRock, Emo
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