ARJEN ANTHONY LUCASSEN, der Kopf hinter solch ambitionierten und gefeierten Prog-Projekten wie AYREON und STAR ONE, kommt Anno 2012 mit seinem ersten Soloalbum um die Ecke. Manch einer mag sich jetzt fragen, wo der genaue Unterschied zu seinigen sonstigen Projekten liegt; ist er doch bei jenen auch immer Songschreiber und Multiinstumentalist und wuppt die Alben nur mit Hilfe von ein paar "Eingeweihten" und Gaststars. Nun, auf "Lost In The New Real" übernimmt Herr Lucassen auch alleine den Gesang und es gibt keine illustren Gaststars wie bei AYREON zu vermelden - wenn man einmal von der Sprechrolle des Hollywoodstars Rutger Hauers absieht, der als Erzähler durch das (natürlich) Konzeptalbum auf (ebenfalls natürlich) 2 CDs führt.
Dieser konzeptionelle Hintergrund liest sich wie folgt: Der im 21. Jahrhundert kurz vor seinem Ableben eingefrorene Mr. L. erwacht hunderte von Jahren später wieder, als seine damals unheilbare Krankheit inzwischen geheilt werden kann. Durch den Prozess der Integration in die die neue Zeit, "the new real" eben führt ihn ein psychologischer Berater - die erwähnte Sprechrolle Rutger Hauers. Die Erlebnisse und die Neuorientierung in dieser neuen Welt nutzt Lucassen , wie bereits von seinem letzten AYREON-Werk "01011001" gewohnt, um in einem futuristischen Kontext ganz aktuelle Fragen und Probleme unserer Gegenwart zu thematisieren. So findet man von Themen wie der Angst vor fehlender Innovation in der Kunst, Zensur und der digitalen "Revolution" im Medienbereich auch existentielle Fragen, Religion und gesellschaftliche Reizthemen wie Euthanasie und Geburtenkontrolle behandelt. Ein harter Brocken also, doch wie gewohnt präsentiert Lucassen diese Themen auf seine eigene charmante Art und Weise und bindet sie gekonnt in den fiktiven Erzählkontext ein.
Musikalisch wagt sich der 51-jährige Holländer nun allerdings noch etwas weiter hinaus auf das Eis. Auch wenn einem die vielen, vielen Einflüsse auf "Lost In The New Real" alle irgendwie bekannt zu sein scheinen, übt sich Lucassen auf seinem Solodebüt in einem stilistischen Salto Mortale. Natürlich finden sich bisweilen Momente, die auch gut auf ein AYREON-Album passen könnten - seien es nun die spacigen Prog-Metal-Sounds oder folkig angehauchte Stücke, wie sie auf den letzten Alben von Lucassens Hauptprojekt auch immer wieder zu hören waren. Hier hört Mr. L. aber noch lange nicht auf, denn wie in einem musikalischen Overkill wird klassischer Prog Rock zitiert, der Folk gewinnt endgültig die Oberhand oder bekommt einen Schuss Americana verpasst ("When I'm A Hundred Sixty-Four", "So Is There No God") oder es wird auch einfach mal beinahe überraschend poppig und fröhlich ("Dr. Slumber's Eternity Home"). Das geht so lange bis man nach den ersten Hördurchläufen nicht mehr weiß, wo einem eigentlich der Kopf steht und man in der Tat "lost in the new real" ist. Mission erfolgreich.
Wie weiß "Lost In The New Real" denn aber nun zu gefallen? Kurz und knapp: Gut aber leider nicht so gut wie die letzten Alben unter den Namen AYREON oder STAR ONE. Zu oft verliert sich Lucassen - besonders auf CD 2 - in etwas unspektakuläreren Songs oder Parts, die nicht wirklich auf den Punkt zu kommen scheinen. Auch der Gesamtaufbau des Albums erscheint nicht wirklich wie aus einem Guss, sondern etwas erzwungen. Größtes Manko ist hier die zweite CD, die einerseits Songs aufweist, die zwar zum Konzept gehören, aber nicht direkt im Erzählfluss liegen und andererseits auch noch mit dazwischengestreuten Coversongs von u.a. Pink Floyd, Led Zeppelin oder Alan Parsons Project die Struktur des Doppelalbums aufbrechen - was bei einem Konzeptalbum nicht übermäßig klug ist. Hier wäre es zu empfehlen gewesen, ein normales Album herauszubringen und die zweite CD nur in einer limitierten Edition anzubieten oder zumindest die Coversongs aus dieser Struktur herauszulösen. Trotzdem bleibt zu "Lost In The New Real" aber final festzuhalten, dass es sich erneut um ein empfehlenswertes und Respekt abverlangendes Werk der Szenegröße ARJEN ANTHONY LUCASSEN handelt, welches die Wartezeit bis zum nächsten AYREON-Epos sehr gut zu überbrücken weiß.
Tracklist:
Lineup:
CD1
1. The New Real
2. Pink Beatles In A Purple Zeppelin
3. Parental Procreation Permit
4. When I'm A Hundred Sixty-Four
5. E-Police
6. Don't Switch Me Off
7. Dr Slumber's Eternity Home
8. Yellowstone Memorial Day
9. Where Pigs Fly
10. Lost In The New Real
* Bonus-Feature auf CD-Rom: „Behind The New Real“
CD 2
1. Our Imperfect Race
2. Welcome To The Machine (Pink Floyd cover)
3. So Is There No God?
4. Veteran Of The Psychic Wars (Blue Oyster Cult
Cover)
5. The Social Recluse
6. Battle Of Evermore (Led Zeppelin Cover)
7. The Space Hotel
8. Some Other Time (Alan Parsons Project Cover)
9. You Have Entered The Reality Zone
10. I'm The Slime (Frank Zappa Cover)
* Bonus-Feature auf CD-Rom: „The Artwork“
7.5 Punkte von Gorlokk (am 19.04.2012)
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musikalischer Background des Verfassers Prog Rock/Metal, Post Rock/Metal/Hardcore, Djent, Swedish/Melodic Death, Folklore/Neofolk, Neo-Thrash/Metalcore, Black Metal, Düster-Rock u.v.m.
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