Sentenced sind so etwas wie Everybody’s Darling. Egal wo ich mich im besoffenen Kopf mit anderen Langhaarigen über die Qualität diverser metallischer Outputs dieser Tage rumgestritten habe, erntete ich auf den Einwurf „Aber die neue Sentenced ist einfach nur geil“ ausschließlich weise nickende Köpfe und träumerisch verklärte Blicke. Auch wenn man nur sehr wenige waschechte und fanatische Sentenced Fans trifft, so hat doch beinahe jeder Metaller ein oder zwei der konstant guten Alben in seiner Sammlung und lässt diese regelmäßig im Player rotieren. Folgerichtig ist die Tour mit den Label Mates Lacuna Coil wohl auch nur auf dem Papier eine Co-Headliner Tour. Die Reaktionen der Fans ließen jedenfalls den Schluss zu, dass der Großteil der Anwesenden in erster Linie wegen der Finnen in die sehr gut gefüllte Markthalle gekommen war.
Als Appetizer gab es allerdings zunächst eine kleine Portion Goth’n’Roll einer Band namens Blackshine, die mir bisher nur aus den Magazinen bekannt war. Songs wie „My pain is your pleasure“, „Outcast“ oder „Sacrifice” waren gut genug, um das Publikum zu einem höflichen Applaus zu bewegen. Der dunkle Rotzrock der sympathisch auftretenden Hünen litt unter einem sehr undifferenzierten Sound, wobei man sich bei dem Akkordgeschraddel, aus dem die meisten Riffs von Blackshine bestehen, wohl auch nicht allzu viel Mühe mit der Anlage geben muss. Plug and rock ist hier die Devise. Insgesamt bekamen wir eine eigenständige und solide Show geboten, die allerdings auch nicht vom Hocker haut. Die etwas langsameren Stücke groovten schön und gefielen mir somit am besten. Nette Einlage zum Schluss: Sentenced-Sami enterte mit dicker Sonnenbrille die Bühne, schraubte sich das Mikro in Lemmy Position und jammte mit den Jungs eine kurze Runde „Ace of Spades“.
Lacuna Coil bestätigten den Eindruck ihrer aktuellen CD voll. Das emotionale Spektrum, dass diese Band mittlerweile portieren kann, ist enorm. Die Sangesfront hat sich enorm verbessert und fühlt sich inzwischen in den Soundwelten, die die Instrumentalisten kreiren, sichtlich zu Hause. Ich kannte die Italiener bisher nur von den großen Festivalbühnen des Wacken Open Air und des Mera Luna Festivals und muss sagen, dass sie auf der kleinen Bühne der Markthalle sehr gewaltig wirkten. Nicht nur musikalisch, auch im Stageacting zeigte man sich sehr verbessert. Neue Songs wie die Single „Heaven’s a lie“ oder „Daylight Dancer“ wurden mit der gleichen Leidenschaft dargeboten wie die Standards vom „Unleashed Memories“-Album „Senzafine“ und „When a dead man walks“. Wie die meisten Bands sind Lacuna Coil live deutlich heftiger als auf dem Silberteller. Trotzdem konnten sich einige anwesende Metaller nur schwer mit den doch eher seichten Sounds der Band um Cristina Scabbia anfreunden. Vielleicht konnten sich diese Nörgler dann wenigstens mit dem optischen Augenschmaus, den die hübsche Sängerin bot, zufrieden geben. Während ihre Kolleginnen oftmals etwas unbeholfen und steif auf der Bühne wirken, wenn sie nicht wissen, ob sie gerade mit den Hüften oder dem Kopf wackeln sollen, ist Cristina jederzeit Frau der Lage und begeistert mit einer klasse Show und einer unglaublich schönen und leistungsstarken Stimme. Das Mitte des Sets von einem Roadie intonierte „You are my sunshine“ hatte sie sich auf jeden Fall redlich verdient. Doch auch ihre Kollegen gaben sich viel Mühe, das Publikum bei dem letzten Gig der Tour ordentlich in Stimmung zu bringen. Der gute Sound, lediglich der Bass war etwas übersteuert, tat dazu sein übriges.
Doch noch spürbarer als die Spielfreude der Mailänder war das Knistern in der Umbaupause vor dem Sentenced Gig. Die Bühne versank in ein nebliges Type O Negative Grün und ein tosender Beifallssturm brach im Publikum los. Sentenced eröffneten mit dem Opener ihres aktuellen Albums und Sänger Ville begrüßte die norddeutschen Fans natürlich mit der Flasche in der Hand. Mann, tat das gut, endlich mal wieder eine Band zu sehen, die einfach nur rockt, deren Musiker alle lange Haare haben und das volle Brett fahren. Dabei wird das ganze natürlich gewürzt mit einer gehörigen Portion finnischen Humors. So fordert Ville die Meute beispielsweise zu einem lauten „Fuck you, Finnland“ auf, nachdem er nach dem Opener bereits den letzten Song des Abends ankündigt. Das Repertoire der Band aus der (nach eigener Aussage) Heimat von Weihnachtsmann und Selbstmord bescherte dem Publikum wunderschöne Stimmungswechsel und einen ausgewogenen Querschnitt über die Post-Amok Phase. Die Ausnahme wurde dabei von der Depri-Hymne „Nepenthe“ gestellt. Für den Sound bei Sentenced konnte man dem Mischer und den übrigen Technikern nur die Hände schütteln. Die zweistimmigen Gitarren, für mich das markanteste Merkmal dieser überaus geilen Lala, wurden perfekt in Szene gesetzt. Höhepunkte des Sets waren natürlich „Noose“, „Excuse me while I kill myself“, das im Duett mit Lacuna Coil’s Cristina Scabbia gesungene „Everything is nothing“ und die abschließende Cover Version von Maidens „The Trooper“, die als letzter Song der Tour mit einem Riesenhaufen Pack auf der Bühne abgefeiert wurde. Hier gaben sich noch einmal befreundete Musiker, Roadies und was sonst noch stehen konnte die Mikros in die Hand. Vor allen Dingen Ville Laihiala war gegen Ende des Sets schon reichlich breit und beschränkte sich bei den letzten Songs desöfteren auf einen Sprechgesang. Doch das sein ihm verziehen. Denn erstens gibt es dem Gig irgendwie eine besondere Note, zweitens kann man den sympathischen Finnen eh nichts übel nehmen und drittens war seine Leistung zu Beginn des Gigs tadellos. Ich erinnere mich noch genau an den schüchternen zurückhaltenden Riesen, der er auf der Down-Tour noch gewesen war. Davon war keine Spur. Ville war (zumindest anfangs) voll bei Stimme, agierte selbstbewusst über die Bretter und hatte die Menge jederzeit im Griff. Kein Wunder, es lagen auch wirklich alle den Finnen zu Füßen. Sentenced präsentierten sich als absolute Einheit, die mit einem Koffer voller Hits im Rücken noch ganz andere Bühnen zum Wackeln bringen wird. Beide Daumen hoch für eine der besten Bands der letzten zehn Jahre.
Playlist Sentenced:
Konevitsan Kirkonkellot
Cross my heart and hope to die
Neverlasting
Sun won’t shine
Brief is the light
Everything is nothing
Noose
Broken
Noone there
Nepenthe
Farewell
Excuse me while I kill myself
Bleed
The Trooper
geschrieben am 26.11.2002 von Christian
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musikalischer Background des Verfassers Maiden, Epic Viking Metal, Doom Metal, True Metal, Heavy Metal, Power Metal, Old School US Metal, 80ies Thrash
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